Die Osterrieder-Krippe in der Pfarrkirche St. Peter und Paul - ein Juwel der Krippenbaukunst

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Unsere Krippe – ins Bild gesetzter Glaube

Pfarrer Paul Großmann

Man muss nicht unbedingt ins Schwäbische Krippenparadies fahren, um schöne Krippen bestaunen zu können. Krippen gibt es fast überall, wo die Botschaft des christlichen Glaubens verkündet wird.

Zu den Kostbarkeiten unserer „Enderle-Kirche“ in Genderkingen zählt ohne Frage unsere Osterrieder-Krippe. Sebastian Osterrieder machte mehrere Reisen nach Palästina. So ist es nicht verwunderlich, dass seine Krippenfiguren fast durchweg orientalischen Charakter haben, auch hier bei uns in Genderkingen. Besondere Beachtung fand unsere Krippe bis jetzt allerdings nicht.

Darum ist es höchst dankenswert, dass Herr Pfaffendorf und Herr Harsch unsere Osterrieder-Krippe hier in ein neues Licht stellen. Sie hat es wahrlich verdient. Die wunderschönen Bilder und einfühlsamen Texte laden ein, genau hinzuschauen, zu staunen und betrachten.

Unsere Krippe ist ins Bild gesetzter Glaube. Immer in der Weihnachtszeit ist sie in unserer Kirche aufgestellt. Ich kann nur sagen: „Kommt und seht!“

P. Paul Großmann, Pfarrer


Osterrieder-Krippe in der Pfarrkirche St. Peter und Paul zu Genderkingen

Die Genderkinger Osterrieder-Krippe in der Gesamtansicht

Überall in der christlichen Welt werden Krippen gebaut und verehrt. So unterschiedlich die Handfertigkeit des Erbauers, des verwendeten Materials, so unterschiedlich Krippen in Geschmack und Ausführung sind, so einheitlich ist doch allen Krippen die Grundidee: Sie stellen das Wunder der Menschwerdung Christi dar, leisten einen Beitrag zum Lobe des Herrn und stellen den Erlösungsgedanken greifbar, sichtbar und anschaulich in den Mittelpunkt der Betrachtung. Krippen geben Ruhe, Frieden und Besinnung in unserer immer schneller werdenden Zeit, leiten unsere Kinder an zu weihnachtlich stillem Fühlen und Denken, sprechen unsere Emotion an und werden von Generation zu Generation weiter gegeben. So verbindet die Krippe Jung und Alt.


Die erste richtige Weihnachtskrippe geht wohl auf den hl. Franz von Assisi zurück. In einer Höhle, in der Nähe von Greccio/Italien, in der er hauste, legte er im Jahre 1223 ein lebensgroßes Wachsabbild des „Christkindes“ in eine echte Futterkrippe. Ein Gutsbesitzer aus der näheren Umgebung gab Ochs und Esel dazu und Bauern warfen Stroh auf den Boden. Die hl. Familie fehlte noch in dieser Urkrippe. Die Menschen der Umgebung pilgerten zu Franz von Assisi und zur „Krippe“ in die mit Kerzen ausgeleuchtete Höhle und nahmen an seinem „Krippenspiel“, an seiner bildhaften Darstellung der Geburt Jesu als Teil der Verkündigung des Weihnachtsevangeliums teil. Von dort aus verbreitete sich in Kirchen und Klöstern der Brauch, in der Weihnachtszeit eine Krippe aufzustellen.


An Weihnachten 1223 zog sich Franz von Assisi nach Greccio zurück. Dort feierte er in einer Felsenhöhle in eindringlich-greifbarer Weise das Geheimnis der Menschwerdung Christi und wurde so zum Erfinder der Weihnachtskrippe.

Angeregt durch die kirchlichen Mysterienspiele des Mittelalters, orientierten sich die Figuren der Krippe in der Folge dann stark am Aussehen der Darsteller dieser Form der Verkündigung. Zur Erklärung sei eingefügt, dass das einfache Volk nicht lesen konnte und Kenntnisse der hl. Schrift nur über das Wort, über die Bilder in der Kirche und durch eine szenische Darstellung der Schrift, z. B. bei den Mysterienspielen, erhalten konnten.


Frühe Krippen hatten nur wenige Figuren. Sie aber waren oft bis zu einem Meter hoch und prächtig gekleidet. Die Näharbeiten an den Gewändern mit Gold- und Silberstickereien wurden meist in den Frauenklöstern ausgeführt und in die Grundidee der Krippe wurden im Verlauf der Jahre zunehmend mehr und mehr die lokale Lebensumwelt und der jeweilige Lebensstil mit einbezogen, so dass bei den Krippen oft nur mehr wenig an die Herkunft der Geburtsgeschichte aus dem Vorderen Orient erinnerte.


Hauskrippen waren zunächst unüblich. Bis ins 16. Jahrhundert hinein fanden sich Krippen allein in Kirchen, vereinzelt auch in den Höfen des Adels. Erst nach der Säkularisation von 1803, als das Aufstellen von Krippen in Kirchen und Klöstern untersagt war, gab es den großen volkstümlichen Durchbruch der Hauskrippe. Das Volk hatte sich bereits so an den Brauch des Krippenaufstellens gewöhnt, dass es nicht mehr darauf verzichten wollte. Die Krippen wurden zwar aus der Kirche entfernt, jedoch in den benachbarten Häusern wieder aufgestellt. Für Bauern- oder Bürgerhaushalte waren die damals verwendeten Figuren oft zu groß, so dass sich kleinere Figuren durchsetzten, zugleich aber auch ihre Zahl erhöht wurde. Die Darstellung der Ge-burt Christi sollte nicht nur die hl. Familie umfassen, sondern auch die Hirten und die drei Weisen aus dem Morgenland. Je nach Landschaft und vorhandenem Material begann man, diese Figuren aus Holz zu schnitzen, sie farbig zu fassen, aus Ton zu formen oder aus preiswertem Papier zu schneiden. Die bekanntesten und prunkvollsten Krippen aber entstanden in Neapel, das die bekleidete Form der Krippenfiguren beibehielt.


In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Aussehen der Krippenfiguren schließlich sehr stark von den „Nazarenern“ geprägt, einer Malergruppe, deren Darstellungen der biblischen Figuren ungebrochen bis in die heutige Zeit nachwirken. Mit der Entwicklung der Spielzeugindustrie schließlich, wurden Krippenfiguren als „Massenprodukte“ aus Gips, Ton oder Papiermache hergestellt und preiswert verkauft und verdrängten damit oft die qualitativ bessere und kunstfertigere handwerkliche Figur.

Krippenarten

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Die Weihnachtskrippe entwickelte sich, wie gesagt, aus der von Franz von Assisi vorgegebenen Form. Der Krippe mit dem Jesuskind wurden in Nachempfindung der hl. Schrift Maria, Josef, Ochs, Esel, Engel und Hirten zugesellt. Zu dieser Figurengruppe gesellten sich im Laufe der Entwicklung weitere Stationen, so die Verkündigung, die Herbergssuche, die Flucht nach Ägypten usw. Auch wurden das Volksleben und ein reiches Beiwerk an Figuren und Baulichkeiten im Krippenbau immer bedeutender.


Jüngste Entwicklungen kreieren sogar ganze „Monsterkrippen“. So rühmt sich die Stadt Einsiedeln in der Schweiz in einem eigens gebauten Diorama die größte Krippe der Welt zu besitzen, mit 450 handgeschnitzten und orientalisch bekleideten Figuren vor einem naturgetreuen Nachbau der Gegend von Bethlehem. Übertroffen wird diese Krippe allerdings noch von einer Krippe in Las Palmas/Gran Canaria, die sich ihrerseits rühmt, mit 500 Figuren und 500 qm Ausstellungsfläche die größte Krippe der Welt zu sein, mit Licht- und Soundeffekten und der Darstellung des Geburtsgeschehens auf Gran Canaria.

Aus der Vielzahl der heute anzutreffenden Krippen kann man in etwa folgende Grundtypen erkennen:


Die Orientalische Krippe

Im 18. Jahrhundert setzte sich gegenüber den herkömmlichen Krippen die sog. „Orientalische Krippe“ durch. Man bereiste das hl. Land und versuchte die „morgenländische“ Landschaft nachzugestalten. Die morgenländischen Häuser sind würfelförmig mit flachem Dach oder mit niederer Kuppel, mit wenigen Fenstern und steinernen Treppenaufgängen. Die Kleidung der „biblischen“ Zeit bestand aus knöchel- oder knielangen Unterkleidern und großen rechteckigen Überwürfen.


Die Krippe der Nazarener

In der Romantik des 19. Jahrhunderts übten die „Nazarener“ einen entscheidenden Einfluss auf die Erscheinung der Krippen aus. Die Landschaft dieser Krippen war gekennzeichnet von Palmen vor dem sternenübersäten Himmelszelt; die Roben der hl. Drei Könige waren reich verziert und standen in starkem Gegensatz zur ärmlichen Kleidung der Hirten. Die Geburt des Jesuskindes symbolisierte den Beginn der „Heilszeit“, während der Untergang des „Heidentums“ durch die Ruinen eines Tempels seine Darstellung fand.


Die Höhlenkrippe

Nach der aus der urchristlichen Überlieferung entnommenen Darstellung, wurde Jesus in einer Felsenhöhle in der Nähe Bethlehems geboren. Im Jahre 325 nach Christus ließ Helena, die Mutter des römischen Kaisers Konstantin, über der sog. „Geburtsgrotte“ eine Kirche errichten. Für die Pilger ins hl. Land war der Besuch dieser Grotte der Höhepunkt ihrer Reise. So nimmt es nicht Wunder, dass viele Krippen versuchten, diese „Geburtsgrotte“ nachzuempfinden.


Die heimatliche Weihnachtskrippe

Die heimatliche Weihnachtskrippe gehört zu den schönsten Zeugnissen der Volkskunst. Der Stall von Bethlehem kommt in der Form der vertrauten Bauernhäuser wieder, Hirten tragen ortsübliche Trachten und das ganze Geschehen ist in die heimatliche Umwelt eingebettet. Die Heimatkrippe gibt es somit folgerichtig in den unterschiedlichsten Ausprägungen auf der ganzen Welt und lässt der Phantasie der Ausgestaltung einen weiten Raum.


Die Alpenländische Krippe

Sie ist eine besondere Form der heimatlichen Weihnachtskrippe. Das Weihnachtsgeschehen ist in den Alpenraum versetzt, die drei Könige und der hl. Josef tragen hohe schwarze Hüte, knielange Hosen und Gehröcke. Die Frauen und der verkündende Engel weiße Spitzenblusen und bunte, gereihte Röcke. Die feierliche Stimmung des Weihnachtsgeschehens wird durch die verwendete Festtagskleidung besonders betont.


Die volkstümliche Krippe mit bekleideten Figuren

Sie vereinigt die Kennzeichen des barocken Krippenstils mit dem Hang zur Ausschöpfung aller darstellerischen und szenischen Möglichkeiten. Sehr oft verwendet sie Gliederfiguren, mit beweglichem Kopf, Armen und Beinen, die in jeder erdenklichen Haltung aufgebaut werden können. Die Kleidung der Figuren zeigt Prunk und Pomp für die drei Weisen aus dem Morgenland und schlichte Arbeitskleidung für das einfache Volk.


Die Ruinenkrippe

Diese Krippenart wird durch das Bild des zerstörten Bauwerks, der Burg Davids, geprägt, das oft über der Geburtsgrotte steht. Die Ruine symbolisiert hier den Verfall und die Hinfälligkeit der Welt, in die Jesus neues Leben bringt, indem mit ihm der neue Spross eines Königreiches er-wächst, das alles überdauern wird.

Der Künstler Sebastian Osterrieder

Sebastian Osterrieder (* 19. Januar 1864 in Abensberg; † 5. Juni 1932 in München) Spitzname „Krippenwastl“, war ein deutscher Bildhauer. Er gilt als der Mann, der die Weihnachtskrippe wieder neu entdeckte und schließlich zur Blüte brachte.


Annonce Osterrieders in einer Zeitschrift eines Verlags für christliche Kunst

Sebastian Osterrieder lebte in München und war dort als „akademischer Bildhauer“ tätig. Im Auftrag von Prinzregent Luitpold von Bayern reiste er im Jahre 1910 nach Palästina um dort Menschen, Landschaft, Geburtshöhle und Bauwerke zu studieren. Die Eindrücke dieser Reise verarbeitete er in seinen Krippenfiguren mit scharf geschnittenen Gesichtern und wallenden Beduinengewändern Insgesamt schuf Osterrieder an die 100 verschiedene Figuren.

Die Körper seiner Krippenfiguren formte er um Drahtgestelle herum mit einer von ihm selbst entwickelten Modelliermasse, die er „französischen Hartguss“ nannte. Alle Figuren wurden zunächst als Aktfiguren hergestellt. Die Masse dazu bereitete er aus Leim, Gips, Hasenleim und Kreide. Zur Steigerung seiner Produktion verwendete er dafür vorgefertigte Gussformen. Anschließend wurden die nackten Figuren „kaschiert“, d.h. mit Stoffen bekleidet, die in Leimwasser getränkt waren. Nach dem Trocknen bemalte er die Körper der Figuren und deren Bekleidung. Um sie noch lebendiger wirken zu lassen, setzte er ihnen Glasaugen ein und erreichte dadurch einen ungemein starken Ausdruck der Mimik. Alle Figuren sind bis zu 30 cm groß. Trotz dieser Gusstechnik bei der Herstellung und der Ähnlichkeit der Figuren beim Vergleich mit anderen Osterrieder-Krippen sind seine Figuren dennoch immer auch Unikate, da der Faltenwurf der Kleidung und die Bemalung aufgrund der Einzelfertigung bei jeder Figur jeweils sehr individuell ausfielen.

Zu seinen Figuren bot Osterrieder vier Arten von „Krippenställen“ an:

• die Höhle • den einfachen Stall • die Ruine • die „Kaiserkrippe“ im Renaissancestil mit Torbogen und hohen Säulen


Die Genderkinger Osterrieder-Krippe wurde von H.H. Geistl. Rat Franz Xaver Fischer noch vor dem 1. Weltkrieg beschafft.

Osterrieder schuf Krippen für die Dome in Linz, Freising, Luxemburg, Bellerville, Cleveland, Mexiko, Pioria, Uppsala, Nürnberg, Zweibrücken, Paderborn, Altötting, Landshut, Rom (Vatikan) und für viele weitere Kirchen und Klöster. Selbst Kaiser Wilhelm II. hatte eine Osterrieder-Krippe in Privatbesitz.

Osterrieder-Krippen in der näheren Umgebung zu Genderkingen finden sich in Krumbach, Babenhausen, Illerberg, Witzighausen, Bad Wurzach, Unterknöringen, Laupheim, Bad Wörishofen, Heimenkirch, Hergenweiler, Opfenbach, Ebratshofen, Kempten, Wengen, Haldenwang, Dorschhausen, Waltenhausen, Obergessertshausen, Wehringen, Buchloe und Illertissen. Die Figuren der Ottobeurer Barock-Krippe sind ebenfalls von Osterrieder.

Durch sein überragendes künstlerisches Talent, durch die religiöse Innerlichkeit und seine volkstümliche Ausstrahlung seiner Figuren wurde Osterrieder über alle Grenzen hinaus bekannt. In Bayern wurde er liebevoll als der „Krippenwastl“ bezeichnet. Kardinal Faulhaber schrieb 1927 über Osterrieder: „Für Meister Osterrieder sind Glaube und Kunst wirklich Geschwister.“


Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Sebastian Osterrieder ”


Die Osterrieder-Krippe von Genderkingen

Die Osterrieder-Krippe in der Kirche St. Peter und Paul in Genderkingen wurde wahrscheinlich noch vor dem Weltkrieg I. beschafft. Damit dürfte der Kauf der Krippe durch den damaligen Ortspfarrer H.H. Geistl. Rat Franz Xaver Fischer erfolgt sein, der von 1911 bis 1950 die Pfarrstelle in Genderkingen inne hatte.


Bei der Genderkinger Krippe handelt sich um eine volkstümliche Ruinenkrippe mit zahlreichen bekleideten Figuren, Putten und Schafen.

Insgesamt umfasst die Genderkinger Krippe 36 Figuren:

• Jesuskind in der Krippe • Maria, allein • Maria mit Kind • Hl. Josef mit Zimmermannswerkzeug • die drei Weisen • zwei Knaben • Jüngling als Dudelsackbläser • 6 Hirten • ein Mohrenknäblein • 11 Putten • 6 Schafe, 1 Widder, 1 Ziege


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Im Jahre 1995 wurde die Krippe durch Erwin Wiegerling, Augsburg, erstmals restauriert. Dazu wurde die Krippenausstattung zunächst trocken, danach leicht feucht gereinigt, lose Fassungspartien mit Leim befestigt, Absplitterungen mit „Keramiplast“ ersetzt, nachgegossen, abgeformt, dann retuschiert und mit Schelllack versiegelt. Die Tempelruine wurde gereinigt, gelöste Teile wieder verleimt, Schwundrisse dauerelastisch verschlossen, die Fassung insgesamt gesättigt und aufgefrischt. Die verloren gegangenen Büschel aus Islandmoos wurden wieder ersetzt und an den ursprünglichen Stellen platziert.


Mit ihrer Osterrieder-Krippe besitzt die Pfarrgemeinde Genderkingen eine sehenswerte Krippe von hohem künstlerischem Wert, auf die sie mit Recht stolz sein kann. Dieser Bericht soll die künstlerische Bedeutung dieser Krippe unterstreichen und durch eine große Bebilderung das Erleben so eindringlich wie möglich gestalten.